

Die Abkürzung MS steht für Multiple Sklerose. Dabei handelt es sich nicht um eine Erkrankung der Muskulatur, sondern um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. „Bei Multipler Sklerose werden durch fehlgeleitete Immunprozesse Strukturen in Gehirn und Rückenmark geschädigt. Dadurch kann die Weiterleitung von Nervensignalen beeinträchtigt werden“, erklärt AMSEL, Aktion Multiple Sklerose Erkrankter, Landesverband der DMSG in Baden-Württemberg e.V. Muskelschwund – medizinisch Muskelatrophie genannt – bezeichnet dagegen die Abnahme von Muskelmasse. Der Begriff ist keine eigenständige Diagnose, sondern beschreibt einen Befund beziehungsweise ein Symptom, das unterschiedliche Ursachen haben kann.
Unterschiedliche Ursachen
Der Name Multiple Sklerose bedeutet sinngemäß „vielfache (multiple) Verhärtungen beziehungsweise Vernarbungen (Sklerosen)“. Gemeint sind damit die vielen Narben, die bei MS als Folge chronischer Entzündungen im Gehirn oder Rückenmark entstehen. Je nachdem, welche Bereiche des Zentralen Nervensystems betroffen sind, können unterschiedliche Beschwerden auftreten. Dazu zählen unter anderem Sehstörungen, Spastik, Kognitionsprobleme oder Fatigue – eine abnormale körperliche und geistige Erschöpfbarkeit. Die Muskulatur der MS-Erkrankten ist jedoch in der Regel gesund, sie kann nur bei manchen Betroffenen nicht mehr richtig gesteuert werden.
Muskelschwund kann dagegen verschiedene neuromuskuläre Ursachen haben, bei denen der Muskel selbst, motorische Nervenzellen, periphere Nerven oder die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel betroffen sein können. Sie sind gekennzeichnet durch einen stetigen Verlust an Muskelmasse. Zu diesen Erkrankungen gehören unter anderem die Duchenne-Muskeldystrophie und die Spinale Muskelatrophie (SMA).
Neuromuskuläre Erkrankungen können erblich bedingt oder im Laufe des Lebens erworben sein. Verlauf und Ausprägung unterscheiden sich erheblich: Bei manchen Erkrankungen sind nur einzelne Muskelgruppen betroffen, bei anderen größere Teile der Muskulatur.
Muskelabbau als mögliche Folge von Bewegungsmangel
Auch bei Menschen mit MS kann die Muskelmasse abnehmen. Ursache dafür kann beispielsweise sein, dass bestimmte Muskeln aufgrund von Bewegungseinschränkungen über längere Zeit weniger beansprucht werden. Die zugrundeliegende MS ist dennoch keine primäre Muskelerkrankung: Die Muskelschwäche entsteht vor allem dadurch, dass die Steuerung der Muskulatur durch das Zentrale Nervensystem beeinträchtigt ist.
Einem inaktivitätsbedingten (sekundären) Muskelabbau kann häufig mit individuell angepasster Bewegung, Krafttraining und Physiotherapie entgegengewirkt werden. Welche Maßnahmen geeignet sind und in welchem Umfang sich Muskelmasse wiederaufbauen lässt, hängt von der persönlichen gesundheitlichen Situation ab.
Ähnliche Beschwerden bedeuten nicht dieselbe Erkrankung
MS und neuromuskuläre Erkrankungen können ähnliche Beschwerden verursachen. Ein Beispiel ist die Fußheberschwäche: Betroffene können den Fuß beim Gehen nicht mehr ausreichend anheben und rollen ihn nicht mehr kontrolliert ab. Eine solche Schwäche kann sowohl bei MS als auch bei unterschiedlichen Erkrankungen der Nerven oder Muskeln auftreten. Das gleiche Symptom lässt daher nicht automatisch auf die gleiche Ursache schließen.
Seit 1974 ist AMSEL Fachverband, Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation für Menschen mit MS und ihre Angehörigen. Unterstützung im Umgang mit der Erkrankung sowie aktuelle Informationen rund um Multiple Sklerose bietet AMSEL unter www.amsel.de
Ruhig sitzen, brav bleiben, nicht zappeln: Was von Kindern oft erwartet wird, ist alles andere als gesund. „Kinder brauchen vielseitige Reize für die Reifung von Muskeln, Knochen, Nervensystem und Gehirn. Stures Stillsitzen blockiert genau das“, sagt Dr. Dieter Breithecker, Sport- und Bewegungswissenschaftler und Experte für die Rückengesundheit von Kindern bei der Aktion Gesunder Rücken (AGR) e.V. Ein aktiver Alltag und bewegungsfreundliche Sitzmöbel können die körperliche und geistige Gesundheit fördern. Auch kreatives Spielmaterial bringt Bewegung ins Kinderzimmer, darunter das Konzept für Spiel- und Bewegungselemente „Stapelstein“, das mit dem AGR-Gütesiegel „Geprüft & empfohlen“ für seine rückengerechte Entwicklungsförderung ausgezeichnet wurde. Der unabhängige Verein prüft und zertifiziert mit einer Experten-Kommission aus den Bereichen Medizin, Therapie sowie Sport- und Bewegungswissenschaft die Qualität rückenfreundlicher Produkte aus allen Lebensbereichen und gibt wissenschaftlich fundierte Tipps für mehr Rückengesundheit.
Wie freies Spiel Muskeln und Rücken trainiert
Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder in Deutschland sitzen zu viel: Rund drei Viertel der 3- bis 17-Jährigen bewegen sich weniger als die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen 60 Minuten am Tag. Dabei ist Bewegung in den ersten Lebensjahren für die Entwicklung entscheidend: Kinder, die regelmäßig toben, klettern, springen und balancieren, aktivieren dabei ganze Muskelketten, was für stabile Gelenke und starke Knochen sorgt. „Durch das Gleichgewichtstraining wird besonders die stützende Tiefenmuskulatur rund um die Wirbelsäule aktiviert“, erklärt Dr. Dieter Breithecker. Auch für das Gehirn ist Bewegung ein wichtiger Wachstumsreiz. „Vor allem offenes, freies Bewegungsspiel regt die Bildung neuer Nervenverbindungen an und legt den Grundstein für Koordination, Konzentration und Lernfähigkeit“, betont der AGR-Experte.
Spielzeug für Bewegung und Kreativität
Ein Beispiel für die Kombination aus Spielzeug und Sportgerät, das durch kreative Bewegungsanreize in besonderem Maße die Rückengesundheit fördert, sind bunte Stapelsteine. Erst Turm, dann Brücke, dann Trittstein-Parcours: Die stapelbaren Elemente fördern die Fantasie und laden zum Balancieren, Hüpfen und Klettern ein. Anstatt vorgegebener Abläufe entwickeln Kinder ihre eigenen Bewegungsideen und entscheiden selbst, ob ein Element zur Standfläche, Sitzgelegenheit oder zum Baustein wird. „Die Auseinandersetzung mit Spielzeug ohne vorgegebene Funktion fördert neben Raumwahrnehmung und Koordination auch Kreativität, Konzentration und problemlösendes Denken“, sagt Breithecker. Instabile Untergründe und wechselnde Höhen setzen dabei Trainingsreize, die Gelenke und Wirbelsäule zum gesunden Wachsen benötigen. Die platzsparenden Steine funktionieren auch als Hocker, Podest, Markierung oder Lernhilfe zum Erkennen von Farben und Mengen.
So fördern Sie freies Bewegungsspiel:
Die Ärztin und ehemalige Olympiaruderin Kathrin Marchand erlitt vor fünf Jahren einen Schlaganfall. Heute ist die 35-jährige Kölnerin sehr erfolgreiche Para-Ruderin und Para-Skilangläuferin – unter anderem mit EM- und WM-Titeln. Sie ist die erste Athletin überhaupt, die bisher an den Olympischen und Paralympischen Sommer- und Winterspielen teilgenommen hat. Marchand weiß deshalb genau, wie lebensverändernd ein Schlaganfall ist, aber auch, was danach noch möglich ist.
Auf dem 2. Deutschen Schlaganfallkongress, dem DSG26, in Berlin wird sie vor rund 1.000 Ärzten, Fachpflegenden und Therapeuten über Einschränkungen im Alltag, über Sport, Rehabilitation und Rückschläge sprechen – aber auch darüber, warum es sich lohnt, immer weiterzumachen.
Kathrin Marchand saß 2021 auf dem Spinning-Rad, als plötzlich ihre linke Körperhälfte taub wurde und ihr Gesichtsfeld eingeschränkt war. „Als Ärztin erkannte ich die Symptome schnell: Plötzlich auftretende neurologische Ausfälle ließen mich an einen Schlaganfall denken. Als Mensch dachte ich gleichzeitig: Das kann doch nicht sein. Ich bin jung, gesund und sportlich“, erinnert sie sich.
Die Folgen sind für Außenstehende bis heute nur schwer zu erkennen. Marchand hat unter anderem einen visuellen Neglect: Obwohl sie weiß, dass sie die linke Seite ihres Gesichtsfelds nicht richtig wahrnimmt, vergisst sie immer wieder, diese Seite zu berücksichtigen. Auch ihre linke Körperhälfte fühlt sich anders an: Kraft ist grundsätzlich vorhanden, doch Ansteuerung und Rückmeldung aus dem Körper funktionieren nicht mehr wie vor dem Schlaganfall. Hinzu kommen Einschränkungen bei Konzentration, Belastbarkeit und der Verarbeitung schneller Bewegungen.
Von der Olympiaruderin zur Para-Ruderin und Para-Skilangläuferin
Aber: „Ich kann den Betroffenen Mut machen“, sagt Marchand heute. Ihre zentrale Botschaft richtet sich nicht nur an Betroffene, sondern auch an Ärzte, Therapeuten sowie alle, die Menschen nach einem Schlaganfall begleiten. „Es muss nicht alles wieder so werden wie vorher, aber es kann trotzdem weitergehen. Man kann neue Dinge finden, die einem Freude machen und an denen man sich festhalten kann.“
Bei Marchand war das zunächst der Weg zurück in den Leistungssport. Vor dem Schlaganfall hatte sie als Ruderin bereits Erfolge bei den Olympischen Spielen 2012 und 2016 sowie bei Europameisterschaften, gewann unter anderem 2013 und 2016 jeweils eine Silbermedaille. Nach ihrer Erkrankung arbeitete sie sich Schritt für Schritt zurück. Seit 2022 gewann sie mehrere Medaillen bei den Europa- und Weltmeisterschaften im Para-Rudern. Ende 2024 fokussierte sich die Erfolgsverwöhnte zusätzlich auf den Para-Skilanglauf. Nur rund 14 Monate Training später qualifizierte sie sich für die Paralympischen Winterspiele 2026 in Italien. Damit schrieb sie Sportgeschichte: Sie ist die erste Athletin überhaupt, die bei Olympischen und Paralympischen Sommer- und Winterspielen an den Start ging!
Es gilt herauszufinden: Was ist wieder möglich?
Marchands Geschichte ist kein Plädoyer dafür, nach einem Schlaganfall Leistungssport betreiben zu müssen. „Es geht darum, herauszufinden, was für die Einzelne bzw. den Einzelnen wieder möglich ist. Das kann Sport sein, aber genauso ein Beruf, ein Hobby oder ein anderes persönliches Ziel.“ Für sie ist der Sport etwas, woran sie sich festhalten kann. Er hilft ihr, ihren Körper neu einzuschätzen, mit Belastungen umzugehen und wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.
Auch beruflich hat sich ihr Weg verändert. Ihre ursprünglichen Pläne – unter anderem eine Karriere als Kardiologin – sind nach dem Schlaganfall in weite Ferne gerückt. Heute arbeitet Marchand in der Orthopädie und möchte langfristig ihren Facharzt für Allgemeinmedizin machen. Der Weg ist ein anderer als ursprünglich gedacht, aber dafür hat sich eine neue Perspektive eröffnet.
„Es geht nicht darum, nach einem Schlaganfall wieder genau der Mensch zu werden, der man vorher war“, weiß die Kölnerin. „Aber das Leben nach einem Schlaganfall kann gut und erfolgreich weitergehen.“
Ihre eigene Geschichte zeigt, wie weit dieser Weg führen kann.
In Deutschland leben etwa zwei Millionen Menschen mit einer bipolaren Störung. „Bipolar zu sein heißt, starken Stimmungsschwankungen zu unterliegen“, sagt der Ergotherapeut Maximilian Brüstle, DVE (Deutscher Verband Ergotherapie e.V.) und verbildlicht, wie Menschen mit einer bipolaren Störung ihr Leben empfinden: „Es gleicht einem Ritt auf den Wellen. Nach dem Surfen auf dem Wellenkamm kommt der Absturz ins Wellental“. Ergotherapeut:innen unterstützen ihre Klient:innen – so nennen sie Patient:innen – dabei, mehr Stabilität in ihrem Alltag herbeizuführen, die depressiven Phasen in ihrer Wirkung abzupuffern und die positiven Seiten der Stimmungshochs so zu nutzen, wie es zu ihrem Charakter und ihrer individuellen Art passt.
Eine bipolare Störung tritt meist im Jugendlichen- oder frühen Erwachsenenalter auf. Allerdings suchen sich Betroffene selten sofort, wenn sie in ihrer ersten depressiven Phase sind, Hilfe. Oft konsultieren sie einen Arzt oder eine Ärztin erst Jahre später, wenn sie feststellen: Es wiederholt sich. Auf eine depressive Phase folgt, meist nach einer ruhigeren Zeit, eine Phase, in der sie energiegeladen, sehr positiv gestimmt, höchst kreativ und enorm leistungsfähig sind. Sie stellen fest: Die depressiven Phasen kommen immer wieder und das nächste Hoch – die manische oder hypomanische Phase – ist ebenfalls zeitlich begrenzt. Die Abstände zwischen den im Wechsel auftretenden Phasen können sehr unterschiedlich sein, es wird häufig von vier Phasen im Jahr gesprochen; jedoch gibt es auch kürzere Abstände, rapid cycling genannt. Ähnlich wie bei anderen Erkrankungen oder Störungen realisieren Jugendliche oder junge Menschen, die bipolar sind – ebenso wie deren Eltern oder das Umfeld – nicht unbedingt, dass etwas „nicht stimmt“; manche wollen es auch nicht wahrhaben. Ebenso kommt es vor, dass Betroffene sich scheuen, überhaupt mit einer anderen Person oder mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin darüber zu reden, wie es ihnen wirklich geht. Mitunter fühlen sie sich nicht berechtigt, Hilfe zu beanspruchen, da es auch die „guten“ Phasen beziehungsweise die Zeiträume zwischen den Hochs und den Tiefs gibt.
Ergotherapeut:innen kümmern sich um Stabilität bei Bipolarität
Eine ärztliche Untersuchung bringt im besten Fall Klarheit und – lautet die Diagnose „bipolare Störung“ – in der Folge multiprofessionelle Unterstützung. Auf psychologischer Ebene kümmern sich Psychiater:innen, Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen um Menschen mit einer bipolaren Störung, während Ergotherapeut:innen sie parallel oder im Vorfeld auf der praktischen Ebene, dem Alltag, begleiten. Eine ergotherapeutische Intervention kann unter anderem für eine bessere Ausgewogenheit der Aktivitäten sorgen, was bewirkt, dass der Alltag leichter gelingt und gleichzeitig die Phasen der bipolaren Störung weniger extrem ausfallen. „Die manischen oder hypomanischen Phasen können für Menschen mit einer bipolaren Störung zwar auf eine andere Weise, aber trotzdem genauso schwierig und belastend sein wie die depressiven Phasen“, verdeutlicht der Ergotherapeut Maximilian Brüstle, dass ein „Hoch“ nicht mit „gut“ gleichzusetzen ist. Die Nachteile eines „Höhenflugs“ in der manischen oder hypomanischen Phase sind, dass die Betroffenen dann oft so energiegeladen sind, dass sie mit sehr wenig Schlaf auskommen und – weil sie sich als äußerst überlegen wahrnehmen – bedenkenlos große Risiken eingehen. Das kann zu extremem Verhalten führen, etwa bei sportlichen oder sonstigen Freizeitaktivitäten und auch bei Dingen wie finanziellen Investitionen und Ähnlichem. Die möglichen Folgen sind zu erahnen. Körperlich ausgelaugt, mental belastet, vielleicht mit einem überzogenen Konto oder Schlimmerem in die nächste depressive Phase zu kommen, kann einen heftigeren Verlauf bewirken. Ein übergeordnetes Ziel in der Ergotherapie ist daher häufig „mehr Stabilität“, etwa durch die zuvor beschriebene ausgewogene Aktivitäts- und Betätigungsbalance.
Ziel einer ergotherapeutischen Intervention: Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit
Das setzt einen sehr genauen Blick in den Alltag von Menschen mit bipolarer Störung voraus. Ein probates Hilfsmittel, um die Aktivitäten des Alltags zu dokumentieren und anschließend analysieren zu können, sind Tagesprotokolle, die es in unterschiedlichen Formaten und Varianten gibt. In diesen Protokollen oder „Journals“ notieren Menschen mit einer bipolaren Störung ihr Verhalten im Alltag über einen längeren Zeitraum hinweg und in den verschiedenen Phasen. Die anschließende gemeinsame Auswertung mit ihrem Ergotherapeuten oder ihrer Ergotherapeutin schafft Bewusstsein bei den Betroffenen: Sie erhalten einen Überblick, welche Aktivitäten in ihrem Alltag tatsächlich vorkommen und wie viel Zeit sie beanspruchen. Bei vielen deckt sich die eigene Wahrnehmung nicht unbedingt mit dem, was in Wirklichkeit stattfindet. Das trifft zwar generell auf viele Menschen zu, ist aber gerade für bipolare Menschen essenziell. Ergotherapeut:innen können ihnen mit dieser Auswertung besser und nachweislich vermitteln, dass sie sich in manischen oder hypomanischen Phasen beispielsweise bewusst mehr Schlaf und Betätigungen, die der Erholung dienen, gönnen dürfen und müssen. Mehr Ausgewogenheit kann den Verlauf der anschließenden depressiven Phase positiv beeinflussen. Betroffene nehmen sich durch eine solche Herangehensweise als handlungsfähig wahr: Sie sehen, dass sie imstande sind, bewusst über ihr Verhalten zu entscheiden und den Verlauf der jeweiligen Phase besser zu beherrschen. Sobald sie wegen ihres veränderten Verhaltens erleben, dass selbst depressive Phasen weniger schwer verlaufen, erfahren sie Selbstwirksamkeit. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine anhaltende Verhaltensänderung und wichtig, um „Rückfälle“ zu minimieren. „Bipolare Menschen fühlen sich dank einer verbesserten Selbstwirksamkeit nicht so sehr dem „Wellengang“ ihrer Störung ausgeliefert; sie haben es in der Hand, den Verlauf der Phasen selbst zu steuern“, fasst der Ergotherapeut Brüstle nochmals zusammen.
Selbstversorgungsprogramm: Ergotherapeut:innen sorgen für ein stabiles Energieniveau
Menschen, die sich in einer depressiven Phase befinden, sind antriebslos, auch in Hinblick auf die Selbstversorgung wie etwa die Ernährung. Essen ist jedoch etwas Grundlegendes, etwas Existenzielles, damit die ohnehin mangelnde Energie nicht noch weiter schrumpft. Um eine solche Unterversorgung möglichst zu vermeiden, üben Ergotherapeut:innen mit ihren Klient:innen diesen Aspekt der Selbstversorgung. Sie suchen beispielsweise gemeinsam einfache Rezepte, die dem- oder derjenigen schmecken und die schnell und leicht zuzubereiten sind. Und auch den Vorgang „Essen zubereiten“ üben sie gegebenenfalls in einer manischen/ hypomanischen beziehungsweise Zwischenphase. Gleiches gilt für den Umgang mit Anforderungen bei der Arbeit. „Es ist wichtig – und zwar in jeder Phase – seine Bedürfnisse auch im beruflichen Kontext einzufordern“, erklärt der Ergotherapeut. Oft wünschen sich Menschen mit einer bipolaren Störung bei der Arbeit die Möglichkeit, ungestört konzentriert zu arbeiten oder einen Rückzugsort und geschützten Raum, wo sie sich kurz sammeln können. Es gehört zu den Aufgaben von Ergotherapeut:innen ihre Klient:innen hierbei zu unterstützten. Entweder, indem sie im Vorfeld entsprechende Gespräche gemeinsam üben und eventuell durch Rollenspiele optimieren. Oder sie kommen – wenn dies so gewünscht wird oder der erfolgversprechendere Weg ist – mit ins Unternehmen und stehen der Person mit bipolarer Störung dort persönlich zur Seite. Über die Diagnose erfahren weder der Arbeitgeber noch die Kolleg:innen etwas; Ergotherapeut:innen bereiten gemeinsam mit Betroffenen eine passende Argumentation vor.
Ergotherapeut:innen binden Partner:in und soziales Umfeld ein, plädieren für „Normalität“
Brüstle äußert sich begeistert von den Möglichkeiten, über die Ergotherapeut:innen verfügen: „Das Schöne an der Ergotherapie ist, dass es so viele Werkzeuge und Optionen gibt und alle Sichtweisen sein dürfen – immer mit dem Ziel, das Bestmögliche für die Klient:innen zu erreichen“. Mit dieser Haltung unterstützen Ergotherapeut:innen Menschen mit einer bipolaren Störung bei all ihren Wünschen und Bedürfnissen. Es gibt keinen Grund weshalb Menschen mit einer bipolaren Störung auf das, was für andere „normal“ ist, verzichten sollten. Weder im beruflichen, noch im privaten Kontext. „Selbstverständlich darf, wer bipolar ist, Karriere machen, Partner:in sein, Kinder haben – eben das, was für sie oder ihn eine Bedeutung hat“, bestätigt Brüstle. Ergotherapeut:innen sprechen mit ihren Klient:innen darüber, wie sie die Kommunikation mit ihrem Umfeld gestalten können. Ebenso trainieren sie mit dem Umfeld, den Menschen mit einer bipolaren Störung liebevoll auf wichtige Wahrnehmungen von außen hinzuweisen, ohne bevormundend oder übergriffig zu sein. „Es ist sogar ausgesprochen hilfreich und wichtig, wenn der Partner, die Partnerin oder andere Menschen aus dem direkten Umfeld gut beobachten und den Betroffenen ihren Eindruck mitteilen“, unterstreicht der Ergotherapeut die Bedeutung dieses Vorgehens. Er schlägt vor, beispielsweise auf gesteigerten Redefluss als Vorboten einer manischen oder hypomanischen Phase sowie auf ein absinkendes Energielevel und verstärkte Müdigkeit, die eine depressive Phase ankündigen, zu achten. Wer seinem Partner, seiner Partnerin, Freund:in, Tochter oder Sohn liebevoll und respektvoll sagt: „Ich habe das Gefühl, da könnte was kommen, sollen wir schon mal gemeinsam den Kühlschrank füllen“ oder was immer nötig ist, um die kommende Phase möglichst gut zu überstehen, tut dem- oder derjenigen einen großen Gefallen: gemeinsam aufgebaute Schutzmechanismen können greifen. Kurzum: Eltern, Partner:in, Freund:innen sind enorm wichtig – auch, um unterm Strich den Krankheitsverlauf einzudämmen.