

Mit fortschreitendem Alter summieren sich die Faktoren, die die eigenen sozialen Interaktionen reduzieren: Freunde und Freundinnen versterben nach und nach und eigene Mobilitätsprobleme oder Erkrankungen schränken die Möglichkeiten, das Haus zu verlassen, ein. Es besteht die Gefahr, dass alte Menschen dadurch vereinsamen. "Dazu muss es aber nicht kommen", sagt Merle Böge, DVE (Deutscher Verband Ergotherapie e.V.), und erklärt: "Das Spektrum für mehr Teilhabe ist groß". Ergotherapeut:innen haben bei ihren Interventionen immer auch einen Blick auf diesen Aspekt und schauen, in wie weit diese Senior:innen noch in das Leben anderer eingebunden sind. Bei Bedarf geben sie ihnen Impulse, wie sie aktiv werden können, unterstützen sie dabei, Kontakte zu knüpfen oder zeigen ihnen Optionen und Wege auf, um sich generationsübergreifend zu verbinden.
Einsamkeit bleibt nicht ohne Folgen: die körperliche Gesundheit leidet ebenso darunter, wie die psychische. Wer weniger oder gar nicht mehr die eigenen vier Wände verlässt, bewegt sich meist nicht ausreichend. Mangelnde Bewegung beschleunigt den allmählichen Abbau der Muskulatur, beeinflusst den Knochenstoffwechsel negativ, fordert das Herz-Kreislauf-System zu wenig und ist Ursache für viele weitere Erkrankungen - ein Negativkreislauf, der sich zudem auf die Psyche niederschlägt. Das kann dazu führen, dass sich bei manchen Senior:innen ein Gefühl der Vereinsamung breit macht mit Folgen wie Stimmungsschwankungen oder Depressionen, Unsicherheiten oder ein generell abnehmendes Wohlbefinden. Es gibt also eine Reihe von Gründen, rechtzeitig etwas gegen Einsamkeit im Alter und für mehr Teilhabe zu unternehmen.
Wie Senior:innen in ergotherapeutischen Gruppen Zugehörigkeit und Teilhabe erleben
Führt der Weg von Senior:innen mit einer ärztlichen Verordnung wegen geriatrischer Probleme zu Ergotherapeut:innen, lassen diese ihr Wissen um die Folgen von Einsamkeit in die Behandlung mit einfließen: Sie beleuchten außer den physischen und psychischen Schwierigkeiten Gesichtspunkte, die Teilhabe bedeuten. "Viele Menschen fühlen sich durch ihre Kontakte zu anderen Menschen und gemeinschaftliches Erleben bereichert und belebt, daher betrachten Ergotherapeut:innen Teilhabe als einen wichtigen Faktor für die Gesundheit", erklärt Merle Böge. Studien untermauern das: Senior:innen fühlen sich trotz Erkrankungen oder Einschränkungen wohl(er), wenn sie sich in die Gemeinschaft integriert wahrnehmen. Gemeinschaft und Teilhabe können beispielsweise durch Gruppen in der ergotherapeutischen Praxis entstehen. Solche Gruppenangebote eignen sich auch für Menschen mit Demenzerkrankungen, da sie sich durch gemeinsames Backen, Malen oder Singen als Teil einer Gemeinschaft erleben können. "Es ist immer wieder erstaunlich, wie Senior:innen in der Gruppe Freude empfinden und aufblühen oder sich an Liedtexte und Sprichwörter erinnern, die ihnen sonst nicht mehr einfallen", bestätigt die Ergotherapeutin die positive Wirkung von Gemeinschaft und Teilhabe. Auch Senior:innen mit anderen Erkrankungen oder Einschränkungen profitieren von dieser Herangehensweise. Ergotherapeut:innen fragen ihre Patient:innen - oder wie sie sie nennen: Klient:innen - welche Aktivitäten sie interessieren, was ihnen Freude bereitet oder für welche Hobbys sie sich früher begeistert haben. Sie orientieren sich an der jeweiligen Biografie oder recherchieren gegebenenfalls gemeinsam mit den Senior:innen, welche Angebote es in der Umgebung gibt, was davon sie anspricht und wie es dann gelingen kann, hier einen Zugang zu finden. Nicht jede:r traut sich, möglicherweise auch aufgrund eingeschränkter Seh-, Hör- oder weiterer mangelnder Kommunikationsfähigkeiten, selbst irgendwo anzurufen oder vorbeizugehen. Sofern es keine Angehörigen oder andere Menschen gibt, die hier unterstützen, können Ergotherapeut:innen dies übernehmen.
Fortbildung für Ergotherapeut:innen: Betätigung von Jung und Alt verbinden
Um Berufskolleg:innen weitere Anregungen zu vermitteln, wie sich Verbundenheit von Jung und Alt durch gemeinsames Tun erreichen lässt, hat Merle Böge eine Fortbildung für die DVE Akademie konzipiert. Die Teilnehmer:innen tauschen ihre eigenen Erfahrungen aus und erhalten darüber hinaus viele Impulse und Ideen, die sie in ihren Arbeitsalltag integrieren können, um Senior:innen auf generationsübergreifende Aktivitäten und Betätigungen hinzuweisen. "Es lohnt sich immer, Kontakte zu den Einrichtungen und Vereinen vor Ort zu haben, denn viele Kindergärten und Grundschulen sind dankbar, wenn daraus gemeinsame Projekte entstehen wie beispielsweise Vorlesepatenschaften oder Gartenaktionen", weiß die Ergotherapeutin Böge aus eigener Erfahrung. Ebenso lassen sich Veranstaltungen von Sportvereinen oder öffentliche saisonale Märkte im Frühjahr und Herbst oder an Weihnachten als Begegnungsräume und für mehr Teilhabe nutzen. "Klare Visionen und persönliche Ziele zu haben ist keine Frage des Alters", verdeutlicht die Ergotherapeutin. Bei ihren Interventionen legen Ergotherapeut:innen Zielsetzungen immer gemeinsam mit ihren Klient:innen fest und wer das Potenzial und das Interesse hat, macht sich auch im hohen Alter für Themen und Werte stark, für die sich auch junge Menschen engagieren. Böge berichtet an dieser Stelle von einer Dame, die sich bei "Omas for Future" engagiert. Trotz einer Erkrankung mit körperlichen und psychischen Schwierigkeiten ist ihr vieles möglich. Sie nimmt an Veranstaltungen teil, obwohl ihr das Gehen nicht mehr leichtfällt, führt bei Aktionen das sogenannte "Zukunftsquiz" durch und kommt persönlich oder schriftlich in Kontakt zu verschiedenen Menschen jeden Alters. Derart eingebunden zu sein, sich für die Umwelt einzusetzen und Gutes zu tun, bewirkt bei der Seniorin selbst nur Gutes, vor allem auf mentaler Ebene. Und: sie bekommt Anerkennung, erlebt Teilhabe und fühlt sich alles andere als einsam.
Ergotherapeut:innen sorgen auch in der Pflegeeinrichtung für Teilhabe
Auch diejenigen, die ihren Lebensabend in einer Pflegeeinrichtung verbringen, erfahren Teilhabe. Nicht alle Senior:innen können noch aktiv an allen Angeboten teilnehmen. Aber auch sie sollten nicht von der Gemeinschaft ausgeschlossen sein. "Senior:innen können auch Freude, Zugehörigkeit und Teilhabe verspüren, wenn sie "nur" bei etwas anwesend sind: Wer bei Aktivitäten oder Veranstaltungen nicht alles selbst ausüben kann, ist auch als "passive:r Teilnehmer:in" willkommen", betont die Ergotherapeutin Böge, die selbst entsprechende Erkenntnisse im Pflegeheim gewonnen hat - auch mit Menschen, die teilweise stark eingeschränkt sind. Hier gilt: Dabei sein ist alles, denn in den Gruppenveranstaltungen geht es nicht nur darum, aktiv zu sein. Gruppentreffen dienen auch als Plattform, um miteinander ins Gespräch zu kommen und Erinnerungen auszutauschen. Zusammenfassend sagt Böge: "Manchmal sind es Kleinigkeiten, die Teilhabe ermöglichen". Sie ermutigt daher Jede und Jeden, Senior:innen einzubeziehen. Es reicht oft, gemeinsam ein Eis zu essen, sich für Kaffee und Kuchen zu treffen und danach wieder seiner eigenen Wege zu gehen oder eben das zu tun, wozu der oder die jeweilige Senior:in (noch) oder tagesformabhängig in der Lage ist. Selbst mit wenig Zeitaufwand lässt sich oft Großes für ältere und alte Menschen bewirken.
Zum Beginn eines neuen Jahres ist immer Hochsaison für gute Vorsätze – und für volle Fitnessstudios. Doch oft lässt die Motivation schneller nach als geplant. Trainingsgeräte für zu Hause können dann eine praktische Alternative sein, um Bewegung und Krafttraining langfristig in den Alltag zu integrieren. Liegestützgriffe, Kurzhanteln und Trainingsbänke machen das Home-Workout vielseitig und flexibel – sofern sie zum eigenen Anspruch passen und sicher sind. Denn gerade bei Themen wie Belastbarkeit und Standfestigkeit gibt es große Unterschiede. TÜV Süd-Produktexperte Florian Staudigl erklärt, worauf Verbraucher beim Kauf achten sollten, damit aus Motivation kein Verletzungsrisiko wird.
Das passende Gerät
Vor dem Kauf lohnt sich ein kurzer Check der Bedingungen: Welche Übungen sollen im Fokus stehen? Wie viel Platz ist vorhanden? „Viele schätzen den Platzbedarf der Geräte falsch ein, sodass sie am Ende schnell im Weg stehen. Denn Trainingsgeräte benötigen nicht nur einen Übungsbereich, sondern auch einen Freibereich. Dieser Freibereich muss auch einen Bereich für den Notfall-Abstieg einschließen“, sagt Florian Staudigl. Ebenso wichtig ist eine realistische Selbsteinschätzung: Die Geräte sollten zum aktuellen Trainingsniveau passen und nicht nur der Wunschvorstellung entsprechen. Zu hohe Einstiegsgewichte oder instabile Konstruktionen erhöhen das Verletzungsrisiko.
Liegestützgriffe: klein, aber effektiv
Liegestützgriffe können beim Training den Bewegungsradius vergrößern und die Handgelenke entlasten. Wichtig ist eine rutschfeste Standfläche, damit die Griffe auf glatten Böden nicht verrutschen. Die Griffe sollten zudem ausreichend standsicher sein. Auch die Griffform spielt eine Rolle: Ergonomisch geformte, gegebenenfalls leicht angewinkelte Griffe liegen besser in der Hand und können die Belastung auf Handgelenke und Unterarme reduzieren. Wichtig ist außerdem eine ausreichende maximale Belastbarkeit. „Sie muss über dem eigenen Körpergewicht liegen“, erklärt der Experte. Dabei sollten Verbraucher beachten, dass beim Training dynamische Kräfte wirken und kurzzeitige Belastungsspitzen deutlich höher sein können als das reine Körpergewicht. Scharfe Kanten oder schlecht verarbeitete Schweißnähte können ein Verletzungsrisiko darstellen und sind ein Ausschlusskriterium.
Hanteln: Gewicht, Material und Sicherung im Fokus
Hanteln zählen zu den vielseitigsten Trainingsgeräten. Kurzhanteln mit Gewichtsscheiben haben den Vorteil, dass sich das Gewicht je nach Übung und Trainingsniveau flexibel anpassen lässt. Entscheidend ist dabei eine zuverlässige Fixierung der Scheiben: Schraubverschlüsse oder hochwertige Schnellverschlüsse verhindern, dass sich diese während des Trainings lösen. Vor jeder Trainingseinheit empfiehlt es sich, die Verschlüsse kurz zu überprüfen.
Das Material der Gewichte kann relevant sein: Gusseisen ist beispielsweise robust, kann aber Böden beschädigen. Gummierte oder kunststoffummantelte Hanteln reduzieren dagegen Geräusche und schützen den Untergrund. Auch die Griffstruktur ist wichtig: Gerändelte und rutschfeste Griffe sorgen für besseren Halt, besonders bei höheren Gewichten. Bei schweißtreibenden Einheiten können zusätzlich Trainingshandschuhe oder Magnesia den Grip verbessern.
Trainingsbänke: Stabilität ist entscheidend
Trainingsbänke bilden die Basis für viele Kraftübungen und müssen daher stabil sein. „Ein zentrales Kriterium ist das höchstzulässige Körpergewicht und die höchstzulässige Trainingslast. Diese Angaben müssen klar ausgewiesen sein und dürfen nicht überschritten werden“, erklärt Florian Staudigl. Wichtig: Das maximale Benutzergewicht und die Trainingslast sind gemeinsam zu betrachten, da sie gleichzeitig auf die Konstruktion wirken.
Ebenfalls wichtig ist die Standfestigkeit: Breite Füße, rutschhemmende Gummierungen und eine stabile Konstruktion sorgen dafür, dass die Bank auch bei hohen Lasten sicher steht. Rückenlehnen und Sitzflächen sollten sich leichtgängig verstellen lassen und über stabile Rastmechanismen verfügen, die nicht unbeabsichtigt nachgeben. Sicherungsbolzen oder Arretierungen sollten deutlich hör- oder fühlbar einrasten. Eine Polsterung sorgt für mehr Trainingskomfort, darf aber nicht zu weich sein, damit der Körper stabil liegt. Sauber verarbeitete Nähte und strapazierfähige Bezüge erhöhen außerdem die Lebensdauer.
Sicherheit fängt beim Aufstellen an
Auch hochwertige Trainingsgeräte können Risiken bergen, wenn sie nicht richtig aufgestellt sind. Sie müssen auf einem flachen, stabilen und horizontalen Untergrund aufgestellt werden, auf dem sie nicht rutschen. Es muss außerdem ausreichend Platz für die vorgesehenen Bewegungen sowie einen Freibereich und einen Bereich für den Notfall-Abstieg geben. Lose Matten, Kabel oder andere herumliegende Gegenstände können schnell zur Stolperfalle werden und dürfen sich nicht im Trainingsbereich befinden.
Nach dem Aufbau sollten gemäß Montageanleitung alle Schraubverbindungen nachgezogen und in regelmäßigen Abständen kontrolliert werden. In Mietwohnungen kann eine geeignete Trainingsmatte helfen, den Boden zu schützen, Geräusche zu dämpfen und die Standfestigkeit der Geräte zu verbessern. Haushalte mit Kindern sollten Trainingsgeräte zudem so platzieren oder sichern, dass sie nicht unbeaufsichtigt genutzt oder als Spielgerät zweckentfremdet werden können.
Geprüfte Sicherheit gibt Orientierung
Um ein sicheres Produkt zu wählen, sollten Verbraucher auf anerkannte Prüfzeichen wie das TÜV Süd-Oktagon oder das GS-Zeichen für „Geprüfte Sicherheit“ achten. Sie zeigen, dass die Trainingsgeräte und ihre sicherheitsrelevanten Eigenschaften wie Stabilität, Verarbeitung und Material nach festgelegten Anforderungen geprüft wurden. So trainiert es sich zu Hause mit besserem Gefühl.
Der Heilmittelbericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hat hohe Wellen geschlagen. Im März hatte der Spitzenverband der Heilmittelverbände eine offizielle Beschwerde gegen diesen Bericht eingelegt. Jetzt erheben auch Forscher der Technischen Hochschule Deggendorf (THD) ihre Stimme gegen ein verzerrtes Bild der Branche, welches teilweise auf ungeeigneten Datengrundlagen basiere und die Realität in den Praxen nicht korrekt darstelle.
Um die wirtschaftliche Situation der Heilmittelbranche ist eine hitzige Diskussion entstanden. So argumentiert der Bericht des WIdO beispielsweise, dass sich die Einführung der Blanko-Verordnung als Kostentreiber entwickelt habe. Jene erlaubt es niedergelassenen Therapeutinnen bei gewissen Diagnosen selbst Methode und Umfang der Therapie wählen zu dürfen. Der Unterstellung einer Selbstbereicherung widerspricht Dr. Norbert Lichtenauer aufs Schärfste. Er ist Mitgestalter des THD-Bachelorstudiengangs „Ergotherapie“ und auch selbst Ergotherapeut: „Die Heilmittelbranche mit den Therapieberufen der Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie, Podologie und Ernährungsberatung macht gerade mal fünf Prozent der Kosten im Gesundheitssystem aus. Dafür bietet sie ihren Patienten eine individuelle und persönlich zugeschnittene Hilfestellung im Alltag. Hier wird zugehört und auf die Problemlagen der Menschen spezifisch eingegangen.“ Die Argumentation des WIdO vergesse außerdem die Zunahme an Behandlungsfällen durch chronische Erkrankungen einer immer älter werdenden Bevölkerung mit immer mehr Diagnosen. „Gleiches gilt für die Zunahme an psychischen Beeinträchtigungen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen nach der Corona-Pandemie“, ergänzt Lichtenauer.
Ohne Frage spielen Ergotherapeutinnen eine zentrale Rolle in der Versorgung von Menschen in jedem Lebensalter, etwa bei der Rehabilitation nach Unfällen oder bei chronischen Erkrankungen. Gleichzeitig verschärft sich seit Jahren der Fachkräftemangel in den Heilberufen und die Wartezeiten für eine Therapie bei niedergelassenen Praxen und Einrichtungen erhöhen sich dramatisch. „Eine unbehandelte Diagnose, beispielsweise im Bereich der Feinmotorik von Kindern beim Erlernen des Schreibens, kann neue Probleme mit sich bringen. Im schlimmsten Fall führen die Herausforderungen des Kindes beim Erlernen von Buchstaben und Zahlen zu einer Frustration und genereller Schulunlust“, berichtet der erfahrene Ergotherapeut Lichtenauer. Dies könne am Ende das gesamte Lernen in der Schule und den weiteren Bildungsweg des Kindes betreffen.
Um dieser Relevanz gerecht zu werden, habe die THD im Wintersemester 2025/26 den Bachelor Ergotherapie gestartet. „Wie bei der Pflege auch, ist das ist unsere Antwort auf den wachsenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften und auf die umfassenden digitalen Veränderungen im Gesundheitswesen“, sagt Studiengangsleiter Prof. Dr. Patrick Ristau. Man wisse an der Hochschule natürlich um die Brisanz, falle doch der Start dieses ersten studiengebühren-freien Bachelors der Ergotherapie an einer staatlichen bayerischen Hochschule in eben jene Phase sehr emotional geführter Diskussionen um die wirtschaftliche Situation der gesamten Heilmittelbranche.
Aber vor diesem Hintergrund gewinne die akademische Ausbildung sogar noch mehr an Bedeutung. „Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte, die nicht nur praktisch arbeiten, sondern auch die strukturellen Herausforderungen im Gesundheitswesen verstehen und interdisziplinär denken“, so Ristau. An der THD würden daher neben praktischen Kompetenzen auch wissenschaftliche, interdisziplinäre und gesundheitsökonomische Inhalte vermittelt. Ein besonderer Fokus liege auf der evidenzbasierten Praxis. „Es kann nicht sein, dass Deutschland das einzige Land in Europa ist, das standardmäßig noch keine akademische Ausbildung in der Ergotherapie anbietet“ postuliert Lichtenauer und Ristau ergänzt: „Die Zukunft der Heilmittelberufe liegt in qualifizierter Ausbildung, fundierter Datenbasis – und einer differenzierten Betrachtung der tatsächlichen Herausforderungen der Branche.“
„Ich spüre was, was du nicht siehst“ – unter diesem Motto steht der Deutsche Schlaganfalltag am 10. Mai 2026. Im Fokus stehen Folgen eines Schlaganfalls, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, aber den Alltag vieler Betroffener massiv einschränken. Physio Deutschland weist anlässlich des Aktionstages darauf hin, dass Physiotherapie weit mehr leistet als sichtbare Bewegungstherapie: Sie unterstützt Menschen nach einem Schlaganfall – auch bei Fatigue, Koordinations‑ und Belastungsproblemen sowie bei der Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben.
Rund 270.000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Schlaganfall. Viele von ihnen leben dauerhaft mit Beeinträchtigungen – nicht alle Folgen sind für das Umfeld sofort erkennbar oder offensichtlich. Neben Lähmungen oder Sprachstörungen zählen auch Fatigue, Einschränkungen von Aufmerksamkeit und Gedächtnis, verminderte Belastbarkeit oder ein unsicheres Bewegungsverhalten zu den häufigen Folgen. Diese „unsichtbaren“ Einschränkungen führen oft zu Missverständnissen: Betroffene wirken nach außen augenscheinlich gesund, stoßen aber im Alltag schnell an ihre Grenzen. Das kann die Teilhabe am sozialen Leben, an Familie, Beruf oder Freizeit erheblich beeinträchtigen und den Betroffenen zusätzlich psychisch sehr belasten.
Physiotherapie hilft, unsichtbare Folgen sichtbar zu machen
Physiotherapie kann genau an diesen Punkten ansetzen: Sie betrachtet den Menschen ganzheitlich und erkennt funktionelle Einschränkungen, auch wenn sie nicht sofort ins Auge fallen. Therapeutisches Training kann helfen, Bewegungsabläufe sicherer zu machen, Ausdauer, Kraft und Muskeln gezielt aufzubauen, Koordination zu verbessern und mit schneller Ermüdung besser umzugehen.
„Physiotherapeut*innen sehen im Alltag oft das, was andere nicht sehen können, zum Beispiel kleine Veränderungen im Gangbild, reduzierte Belastbarkeit oder eine zunehmende Unsicherheit bei Bewegungen“, sagt Dr. Minettchen Herchenröder, Physiotherapeutin und Generalsekretärin bei Physio Deutschland. „Gerade bei unsichtbaren Folgen nach einem Schlaganfall ist diese fachliche Einschätzung entscheidend, um rechtzeitig gegenzusteuern und langfristige Einschränkungen zu vermeiden.“
Kontinuität ist entscheidend für den Therapieerfolg
Die physiotherapeutische Behandlung beginnt häufig bereits in der Akutphase auf der Stroke Unit und begleitet Betroffene über die stationäre und ambulante Rehabilitation hinaus. Während sich frühe Maßnahmen oft auf Mobilisation und Funktionsanbahnung konzentrieren, gewinnt in der Langzeitversorgung der Alltag der Patient*innen an Bedeutung. Physiotherapeut*innen unterstützen Menschen nach einem Schlaganfall dabei, ihre individuelle Belastungsgrenze besser einzuschätzen, Energien zu dosieren und Strategien für den Alltag zu entwickeln. Das betrifft etwa sicheres Gehen, längere Wegstrecken, Treppen oder komplexe Bewegungen im häuslichen Umfeld.
Mehr Verständnis für Betroffene
Trotz ihres hohen Nutzens stößt die physiotherapeutische Versorgung von Schlaganfallpatient*innen häufig an strukturelle Grenzen in Form von begrenzte Verordnungsmöglichkeiten, Bürokratie und Zeitdruck. Diese Grenzen erschweren eine bedarfsgerechte, langfristige Behandlung – gerade bei komplexen und weniger sichtbaren Einschränkungen. „Unsichtbare Folgen verschwinden nicht, nur weil sie schwer messbar sind“, sagt Dr. Minettchen Herchenröder und ergänzt: „Viele Betroffene brauchen eine dauerhafte Therapie über einen längeren oder langen Zeitraum. Dafür müssen die Rahmenbedingungen so gestaltet sein, dass Therapie sich am tatsächlichen Bedarf orientieren kann und eben nicht an formalen Grenzen.“
Fazit: Das Motto des Deutschen Schlaganfalltags 2026 lenkt den Blick auf eine oft übersehene Realität nach dem Schlaganfall. Physio Deutschland (Webseite: www.physio-deutschland.de) fordert, diese Perspektive auch in der Versorgung konsequent mitzudenken. Unsichtbare Folgen verdienen die gleiche Aufmerksamkeit wie sichtbare Einschränkungen – medizinisch, therapeutisch und gesellschaftlich. Physiotherapie kann dazu beitragen, Funktionsfähigkeit, Selbstständigkeit und Lebensqualität zu erhalten oder zurückzugewinnen. Voraussetzung dafür ist ein frühzeitiger Zugang zur Therapie, eine kontinuierliche Betreuung und eine ausreichende personelle Ausstattung. Davon profitiert letztlich die gesamte Gesellschaft: Frühzeitige und kontinuierliche Therapien können Folgekosten reduzieren und so zu einer nachhaltigen Entlastung des Gesundheitssystems beitragen.