

Rücken- und Gelenkschmerzen waren Schwerpunkt der gerade zu Ende gegangenen Deutschen Schmerz- und Palliativtagen 2026 in Frankfurt am Main. Auf dem Kongress wurde erstmalig die Kooperation zwischen der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) und der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG) in einem gemeinsamen Symposium zum Thema „Invasive Schmerztherapie: Sinnvoll oder übertrieben?“ mit Inhalten gefüllt. Dabei diskutierten Experten vor einem Fachpublikum, wann Rückenschmerzen primär mit Schmerztherapie und Physiotherapie behandelt werden – und wann ein operativer Eingriff Nervenschäden vorbeugt und Lebensqualität verbessert.
Rückenschmerzen sind Deutschlands Volkskrankheit Nr. 1: Millionen Menschen stehen vor der Frage „Warten oder handeln?“ Die Fachgesellschaften setzen künftig auf Teamwork: Schmerzmediziner, Physiotherapeuten, Psychologen und Wirbelsäulenspezialisten beraten gemeinsam. So entstehen evidenzbasierte Entscheidungen – statt der Debatte um „warten oder eingreifen“. DGS-Präsident Dr. Richard Ibrahim und DWG-Präsident PD Klaus J. Schnake erklären im Gespräch, wie Patienten von dieser Zusammenarbeit profitieren.
Herr Dr. Schnake, die Schmerz- und Palliativtage sind vorbei – welche Bedeutung hat die DWG-DGS-Partnerschaft für Sie? Was ändert sich für Rückenschmerzpatienten?
Die Schmerz- und Palliativtage waren ein voller Erfolg – unsere Kooperation ist ein wichtiger Schritt nach jahrelangen Diskussionen über die Frage des ‚Wartens oder Handeln?‘. Schmerzmediziner und Wirbelsäulenspezialisten sollen künftig interdisziplinär zusammenarbeiten: Patientenfälle können in gemeinsamen Konferenzen besprochen werden, so dass notwendige Eingriffe zeitnah geplant und unnötige vermieden werden können. So erhalten Patienten genauere Diagnosen, weniger Fehlentscheidungen und eine insgesamt bessere, patientenorientierte Versorgung.
Wann raten Sie bei starken Rückenschmerzen zu Schmerz- & Physiotherapie und wann zum Eingriff? Gibt es klare Regeln?
Unser Grundsatz ist ganz einfach: Bei starken nicht-spezifischen Rückenschmerzen raten wir immer zuerst zur konsequenten konservativen Therapie – also Schmerzmedizin, Physiotherapie und bei Bedarf psychologische Unterstützung. Diese Maßnahmen müssen vollständig ausgeschöpft werden, bevor wir überhaupt an einen Eingriff denken. Ein Eingriff kommt infrage, wenn klare strukturelle Probleme vorliegen, wie drückende Bandscheibenvorfälle, enge Spinalkanäle oder Instabilitäten, die Nerven dauerhaft schädigen würden. Dafür haben wir evidenzbasierte Leitlinien mit ganz konkreten Kriterien, die wir in unserer Kooperation noch weiterentwickeln werden. So schaffen wir klare Behandlungswege – egal ob stationär oder ambulant – und vermeiden Entscheidungen aus dem Bauch heraus.
Konkret: Bandscheibenvorfall mit Taubheit oder Lähmungen in den Beinen – wie lange darf man warten, bis ein Eingriff bleibende Schäden verhindert?
Bei einem Bandscheibenvorfall mit Taubheitsgefühlen oder Lähmungen – also sogenannten Paresen – dürfen wir nicht lange warten. Besonders kritisch wird es beim Kauda-equina-Syndrom mit Taubheit im Sattelbereich, Blasen- oder Darmerkrankungen – das ist ein absoluter Notfall. Bei Lähmungen im Bereich der Extremitäten greifen wir oft innerhalb von drei Tagen ein, manchmal sogar früher. Studien zeigen eindeutig: Bei früher Intervention erholen sich 97 Prozent der Nervenfunktionen vollständig, während jedes Zögern das Risiko für bleibende Schäden wie Inkontinenz, dauerhafte Einschränkungen beim Gehen oder Taubheit dramatisch erhöht. Deshalb gehört der Patient mit solchen Warnsignalen sofort in ein zertifiziertes Wirbelsäulenzentrum, wo wir interdisziplinär entscheiden.
Ältere Patienten mit Spinalkanalstenose humpeln nur noch wenige Meter: Ist ein Eingriff auch in höherem Alter sinnvoll?
Absolut, ein Eingriff kann hier sehr sinnvoll sein – natürlich immer individuell entsprechend des Allgemeinzustands des Patienten. Bei einer Spinalkanalstenose, die die typische neurogene Claudicatio verursacht, erweitern moderne minimalinvasive Verfahren den zu engen Kanal schonend, ohne große Schnitte oder lange Liegezeiten. Viele Patienten über 80 stehen danach wieder stundenlang selbstständig auf den Beinen – ohne Stock oder Rollator – und gewinnen Mobilität und Unabhängigkeit zurück. Unser Ziel ist nicht Lebensverlängerung, sondern schmerzarme, aktive Jahre mit besserer Lebensqualität. Interdisziplinäre Teams bewerten genau, welche Patienten von einer solchen Behandlung profitieren: Bei sorgfältiger Auswahl sind die Ergebnisse sehr gut und Komplikationen selten.
Wie soll künftig die ideale interdisziplinäre Beratung für Rückenschmerzpatienten aussehen – mit allen Experten gemeinsam am Tisch?
Genau das ist unser Ziel: Regelmäßige Fallkonferenzen, an denen Schmerzmediziner, Physiotherapeuten, Psychologen und Wirbelsäulenspezialisten zusammensitzen und den konkreten Patientenfall besprechen. Gemeinsam legen wir fest, welche Therapie individuell am besten passt – sei es konsequente konservative Behandlung oder ein gezielter Eingriff. Oft dient das als Zweitmeinung im Auftrag der Krankenkassen, um Fehlentscheidungen zu vermeiden. Jeder Experte bringt seinen Blickwinkel ein: Was lässt sich noch konservativ erreichen? Wo ist ein Eingriff der richtige Schritt? So entsteht eine rundum durchdachte Therapie, Fehlbehandlungen sinken, und das Vertrauen der Patienten in die Versorgung wächst deutlich.
Was sind die nächsten konkreten Schritte Ihrer Kooperation – und wie profitieren Rückenschmerzpatienten davon?
Wir planen gemeinsam Praxisleitlinien mit jährlichen Updates zu entwickeln und intensivieren den kollegialen Austausch auf Kongressen, Weiterbildungen und Fallkonferenzen. Rückenschmerz¬patienten profitieren direkt: Sie bekommen evidenzbasierte Empfehlungen aus den interdisziplinären Fallkonferenzen, gezielte Überweisungen in zertifizierte Zentren und transparente Erfolgsdaten durch Patientenregister. So bekommen sie die für sie individuell beste Therapie – ohne Fehlentscheidungen zwischen zu frühen oder zu späten Eingriffen. Patienten rate ich: Fordern Sie die Teamarbeit bei Ihrem behandelnden Arzt ein! So bekommen Sie die für Sie individuell beste Therapie – ohne Fehlentscheidungen zwischen zu frühen oder zu späten Eingriffen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Inkontinenz – viele davon still und ohne professionelle Hilfe. Zum Internationalen Inkontinenztag am 30. Juni 2026 und zur Welt Kontinenz-Woche (15. bis 21. Juni 2026) macht Physio Deutschland darauf aufmerksam, dass Inkontinenz behandelbar ist und Physiotherapie eine wichtige Rolle bei Prävention und Therapie spielt. Physiotherapeutin Daniela Hönninger appelliert an Betroffene, Beschwerden frühzeitig ernst zu nehmen und offen anzusprechen.
Fast jede zweite Frau und jeder fünfte Mann sind im Laufe ihres Lebens von Inkontinenz betroffen. Dennoch gilt das Thema für viele Menschen noch immer als schambesetzt. Dabei sind die Ursachen oft behandelbar. Besonders häufig hängt Inkontinenz mit einer geschwächten Beckenbodenmuskulatur zusammen.
Schwangerschaften und Geburten, hormonelle Veränderungen, Fehlhaltungen, neurologische Erkrankungen oder Übergewicht können die Beschwerden begünstigen. „Inkontinenz gehört nicht einfach zum Altern dazu“, sagt Daniela Hönninger, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie und Proktologie (AG GGUP) von Physio Deutschland. „Auch junge Menschen können betroffen sein. Entscheidend ist, die Beschwerden ernst zu nehmen und frühzeitig aktiv zu werden.“
Beckenboden stärken, Beschwerden vorbeugen
Ein zentraler Baustein bei Prävention und Behandlung ist gezieltes Beckenbodentraining. In der Physiotherapie lernen Betroffene, ihre Muskulatur bewusst wahrzunehmen und individuell zu trainieren. „Der Beckenboden ist ein Muskel wie jeder andere auch. Er will trainiert werden, braucht aber auch Entspannung“, erklärt Daniela Hönninger. Der Beckenboden arbeite eng mit der tiefen Bauch- und Rückenmuskulatur sowie dem Zwerchfell zusammen.
Auch Alltagsgewohnheiten spielen eine Rolle. So könne beispielsweise falsches Toilettenverhalten die Beschwerden verstärken. „Wichtig ist, druckfrei auf die Toilette zu gehen und Blase und Darm die Entleerung selbst machen zu lassen“, so die Physiotherapeutin. Grundsätzlich entwickelt sich so eine Inkontinenz meistens schleichend. Also am Anfang verliert man vielleicht nur so ein paar Tröpfchen Urin beim Niesen, Lachen, oder Husten. Und irgendwann, da schafft man es kaum noch trocken auf eine Toilette. Spätestens jetzt ist es wichtig, dass man sich vertrauensvoll an die Ärztin oder den Arzt wendet, die Inkontinenz anspricht, um eine Ursache herauszufinden oder auch zu einem Spezialisten überwiesen zu werden. „Und dann bekommt man vielleicht ein Rezept, kann damit zur Physiotherapie gehen und dort eben auch wirklich etwas tun für seinen Beckenboden. Betroffene sollten keine falsche Scham haben und sich Hilfe suchen“, appelliert Daniela Hönninger.
Tipp: Auch, wenn es schwerfällt, Betroffene sollten offen mit dem Thema umgehen, denn sie sind nicht alleine und medizinische sowie physiotherapeutische Unterstützung in Anspruch nehmen. Denn je früher Beschwerden behandelt werden, desto besser sind die Chancen, die Lebensqualität langfristig zu verbessern.
Die sieben wichtigsten Tipps von Daniela Hönninger, Physiotherapeutin und Leiterin der AG GGUP von Physio Deutschland:
1. Beckenboden regelmäßig trainieren
2. Nach Schwangerschaft und Geburt frühzeitig vorbeugen (u.a. Rückbildungskurse besuchen)
3. Auf eine gute Körperhaltung achten
4. Übergewicht vermeiden oder reduzieren
5. Pressen beim Toilettengang vermeiden
6. Beschwerden frühzeitig ärztlich abklären lassen
7. Keine falsche Scham – Hilfe suchen und Physiotherapie nutzen
Fazit: Mit Wissen über Inkontinenz aufklären und enttabuisieren
Physio Deutschland ruft zum Tag der Inkontinenz dazu auf, Inkontinenz mit fundiertem Wissen zu begegnen. Physiotherapeut*innen in der Nähe finden Interessierte auf der Webseite von Physio Deutschland unter www.physio-deutschland.de (Reiter „Patient*inneninformationen“, Rubrik "Physiotherapeut*innensuche“).
Luxuriöse Optik, angenehme Höhe und ein erholsames Schlafgefühl – auf der Suche nach Schlafqualität und Komfort leisten sich viele Menschen ein Boxspringbett. Der Trend aus Amerika und Skandinavien, bei dem ein fester, gefederter Unterbau die klassische Kombination aus Lattenrost und Bettgestell ersetzt, verspricht ein besonders weiches Liegegefühl für besseren Schlaf. Doch der Eindruck täuscht: „Boxspringbetten lassen sich nicht an die individuellen Bedürfnisse des Körpers anpassen. Aus ergonomischer Sicht gibt es bessere Alternativen“, sagt Dr. André Alesi, Schlafwissenschaftler, Gründer des Instituts für Schlaf und Regeneration sowie Experte für rückengesundes Schlafen bei der Aktion Gesunder Rücken (AGR) e.V. Der Verein zertifiziert seit über 30 Jahren rückenfreundliche Produkte aus allen Lebensbereichen mit dem AGR-Gütesiegel. Zum Tag des Schlafes am 21. Juni gibt die AGR-Tipps zum rückenfreundlichen Schlafkomfort.
Der erste Eindruck kann täuschen
Guter Schlaf macht nicht nur wach: Er bringt auch Regeneration, Leistungsfähigkeit und langfristige Gesundheit. Das richtige Bett ist dafür maßgeblich entscheidend. Boxspringbetten liegen seit Jahren im Trend, denn sie stehen für Komfort und Luxusgefühl im eigenen Schlafzimmer. Im Unterschied zum gewöhnlichen Bettgestell liegt die Matratze nicht auf einem Lattenrost, sondern auf einem mit Sprungfedern (engl. „boxspring“) gefüllten Unterbau. Optisch sind die Trendbetten, die zunehmend auch jüngere Menschen begeistern, an ihrer Höhe und an der Stoffverkleidung um Rahmen, Matratze und Kopfteil zu erkennen.
Beim Probeliegen wirken die gepolsterten Schlafstätten, die in Amerika und Skandinavien zum Standard gehören, oft angenehm weich. Doch genau das kann langfristig zum Problem werden: „Sinkt der Körper im Liegen zu stark ein, verliert die Wirbelsäule ihre natürliche Doppel-S-Form. Es fehlt die notwendige, punktuelle Unterstützung der Wirbelsäule. Fehlhaltungen und Verspannungen können die Folge sein“, erklärt AGR-Experte Alesi. Viele Boxspringbetten lassen sich nur begrenzt an den individuellen Körperbau anpassen. Auch das Schlafklima ist nicht optimal, weil die Stoffummantelung den Luftaustausch in der Matratze verringert.
Individuelle Ergonomie als Schlaf-Trend
Wer ein hohes Bett in Kombination mit ergonomischem Liegekomfort sucht, findet gute Alternativen. „Ein gutes ergonomisches Bett sollte optimal zum eigenen Körper und zu den individuellen Schlafgewohnheiten passen“, sagt Alesi. Als Alternative zum starren Boxspringbett, aber auch zum Kauf einzelner Bett-Elemente wie Lattenrost und Matratze, empfiehlt er ein sogenanntes Bettsystem aus hochbeweglicher Unterfederung mit vielen kleinen „Flügeln“ statt starrer Leisten und einer dazu passenden Matratze, bei dem alle Elemente fein aufeinander abgestimmt sind. „Sie bewegen sich dreidimensional und sorgen durch punktgenaue Reaktion für eine feine Druckverteilung“, erklärt der Schlaf-Experte. Inzwischen gibt es solche flexiblen Bettsysteme auch in elegantem, stoffbezogenen Boxspring-Design, mit entsprechender Höhe und passend zur eigenen Einrichtung und den persönlichen Vorlieben.
Schuhe und Betten probiert man an
„Unverzichtbar, um das individuell passende Bettensystem zu finden, ist eine qualifizierte persönliche Beratung und ausgiebiges Probeliegen im Fachhandel – idealerweise in verschiedenen Positionen“, betont Alesi. Nur so kann man herausfinden, ob die Schlafunterlage wirklich zu einem passt. In Fachgeschäften mit AGR-Zertifizierung helfen speziell geschulte Mitarbeiter bei der Auswahl und Anpassung des Schlafsystems. Dank umfassenden Trainings kennen sie die Anatomie der Wirbelsäule, das Zusammenspiel der Muskulatur sowie zentrale ergonomische Prinzipien und können so gezielt zu einer gesunden Schlaflösung beraten.
Weshalb moderne Physiotherapie immer stärker auf aktive Patienten setzt und passive Behandlungskonzepte zunehmend an ihre Grenzen stoßen
Viele Physiotherapeuten kennen diese Situation aus dem Praxisalltag: Patienten kommen mit Schmerzen in die Praxis und erwarten vor allem eines, nämlich behandelt zu werden. Möglichst passiv, möglichst bequem und am besten direkt auf der Behandlungsliege.
Aktive Übungen, funktionelles Training oder eigenständige Bewegung stoßen häufig zunächst auf Zurückhaltung. Genau darin liegt jedoch eine der größten Herausforderungen moderner Physiotherapie: Patienten nicht nur zu behandeln, sondern sie aktiv in Bewegung zu bringen.
Denn nachhaltiger Therapieerfolg entsteht heute längst nicht mehr ausschließlich durch klassische Hands-on-Behandlungen. Vielmehr gewinnt die aktive Mitarbeit der Patienten zunehmend an Bedeutung und zwar vor, während und nach der Therapie.
Passive Erwartungshaltung trifft auf moderne Therapieansätze
Während Physiotherapeuten heute verstärkt auf aktive Therapieformen setzen, bringen viele Patienten noch immer ein traditionelles Verständnis von Physiotherapie mit: